„Viele Frauen erinnern sich nicht, dass sie missbraucht worden sind“Werbung
LINZ. Friederike Blümelhuber ist an der Ambulanz der Sigmund-Freud-Universität in Wien therapeutisch tätig und hat seit Juli heurigen Jahres auch eine Praxis in Linz. Ihr Augenmerk gilt dem sexuellen Missbrauch und speziell dem Inzest.
OÖN: Frau Doktor Blümelhuber warum beschäftigen Sie sich speziell mit dem Thema Inzest?
Blümelhuber: Es ist deshalb für mich ein zentrales Thema, weil es extrem tabuisiert ist. Wissenschaftliche Studien an psychosomatischen Kliniken haben gezeigt, dass oft auch in jahrelangen Therapien dieses Thema nicht angesprochen wird. Viele wissen sehr oft nicht, was die Wurzel ihres Problems ist.
OÖN: Warum glauben Sie, dass dieses Thema nicht angesprochen wird?
Blümelhuber: Im Gegensatz zu zahlreichen anderen psychischen Erkrankungen, bei denen der Patient die Problematik kennt, sich Hilfe erwartet und auch organisieren kann, ist es im Fall von Inzest so, dass einerseits die Folgen oft Jahre, ja jahrzehntelang später auftreten und der Zusammenhang zwischen Missbrauch und Folgewirkung vom Patienten nicht hergestellt wird.
OÖN: Es gibt dabei eine zusätzliche Problematik?
Blümelhuber: Ja, diese besteht darin, dass die schwere Traumatisierung, die mit dem Inzest verknüpft ist – vergleichbar mit einem schweren Verkehrsunfall mit Gehirnbeteiligung –, zu einer Amnesie führt. Das heißt, dass unter Umständen Teile oder auch das gesamte traumatische Geschehen dem Bewusstsein des Patienten entzogen ist.
OÖN: Wenn sich der Betroffene an den Missbrauch bewusst nicht mehr erinnert, warum kommt es dann zu einer Vielzahl von psychischen Störungen?
Blümelhuber: Das kommt dadurch, dass es trotz der Amnesie zu schwerwiegenden Folgeerscheinungen kommt. Diese können auch körperlicher Natur sein. Die Störungen können beispielsweise psychosomatische Erkrankungen, Alkohol- und Drogenabhängigkeit, Selbstverletzungen, Depressionen sein.
OÖN: Wie weit ist davon die Sexualität des Opfers betroffen?
Blümelhuber: Das kann sich sehr unterschiedlich äußern. Ein hoher Prozentsatz von Frauen, die als Prostituierte tätig sind, haben einen Missbrauch oder Inzest in ihrer Vorgeschichte erlebt. Umgekehrt kann das Missbrauchsgeschehen auch zu einer starken Ablehnung der Sexualität führen. Dies auch in einer an sich gut funktionierenden Partnerschaft, die dadurch stark beeinträchtigt werden kann.
OÖN: Wie weit gibt es einen Zusammenhang zwischen dem plötzlich Weglaufen von Jugendlichen im Alter zwischen 13 bis 18 Jahren und einem möglichen sexuellen Missbrauch?
Blümelhuber: Ein Weglaufen aus dem Familienverband kann – muss aber nicht – ein Alarmsignal sein. Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen, die zeigen, dass etwa 50 Prozent der missbrauchten Jugendlichen ein oder mehrmals von zu Hause weglaufen. Ich halte daher die meist gängige Praxis, Mädchen, die ausgerissen sind, einfach wieder in die Familie zurückzubringen, ohne nachzufragen, welche Gründe zu diesem Fortlaufen geführt haben, für sehr fahrlässig. Im Fall F. hat sich ja gezeigt, dass die Tochter Elisabeth mehrmals von zu Hause ausgerissen ist, rücktransportiert wurde und offensichtlich keine diesbezüglichen Fragen gestellt worden waren.
OÖN: Gibt es nach jahrelangem Missbrauch überhaupt eine Therapiechance?
Blümelhuber: Die gibt es durchaus. Allerdings ist es dabei wichtig, dass der Patient auf sein Gefühl vertraut, dass er sich bei seinem Therapeuten emotional gut aufgehoben fühlt.
Quelle:
http://www.nachrichten.at/oberoesterreich/art4,242116