Beinahe wöchentlich ein neuer Inzest-Fall Bei Missbrauch und Inzest sind sich Täter oft keiner Schuld bewusst.
LINZ/WIEN. Der Inzest-Fall F. hat eines gezeigt: Das Thema ist allgegenwärtig und trotzdem ein Tabu. Beinahe wöchentlich werden neue Fälle bekannt.
Sie sind zwar nicht in jener Dimension, wie der Fall in Amstetten, bei dem ein Vater seine Tochter in den Keller gesperrt, sie 24 Jahre missbraucht und insgesamt sechs Kinder gezeugt hatte, aber die Folgewirkungen sind für die Opfer genauso einschneidend.
Erst in der vergangenen Woche wurde bekannt, dass die seit mehr als einem Jahr in Wien abgängig gewesene Yvonne (15) von ihrem Onkel missbraucht worden sein soll. Im Wiener AKH wurde in der Vorwoche eine Vierjährige mit schwersten Genitalverletzungen behandelt, die ebenfalls missbraucht worden war.
Oft nicht publik
Die meisten Fälle von Inzest, die der Polizei angezeigt werden, gelangen aber gar nicht an die Öffentlichkeit: „Wir geben diese Fälle bewusst nicht bekannt, weil wir die Opfer schützen müssen“, sagen Kriminalisten. „Denn Journalisten würden dann nachbohren und die Intimsphäre ignorieren“.
„Sicher ist es es notwendig, die Opfer zu schützen und nicht noch stärker zu traumatisieren“, sagt Friederike Blümelhuber, Therapeutin aus Linz. „Allerdings kann dadurch in der Öffentlichkeit der Eindruck entstehen, dass es sehr wenig Fälle gibt, was absolut nicht der Realität entspricht.“
Nach jüngsten Täterstudien sind etwa 85 bis 90 Prozent der Täter Männer, welche überwiegend aus dem sozialen Nahraum von Kindern kommen. Aber auch Frauen werden angezeigt, vor allem beim Missbrauch von Buben.
Eine Studie der Amerikanerin Diana E. H. Russel zeigte, dass die Wahrscheinlichkeit, vom Stiefvater missbraucht zu werden, siebenmal höher ist als vom leiblichen Vater.
Eine Innsbrucker Untersuchung missbrauchter Studentinnen ergab folgendes Zahlenverhältnis: Die Hälfte der Täter waren Bekannte, ein Viertel Verwandte und Angehörige und nur ein Fünftel Fremdtäter.
Täter sind oft Männer mit einem geringen Selbstwertgefühl, die sich gezielt Kinder suchen, um ihre eigenen Ohmachts- und Hilflosigkeitsgefühle, ihre eigenen Ängste und Minderwertigkeitsgefühle, ihren Hass und ihre Wut auf Kosten der Kinder zu befriedigen. Wobei ein großer Teil der Täter nicht nur ein Kind sexuell missbraucht, sondern sich immer wieder neue Opfer sucht.
Täter manipulieren meist
Die Oberösterreichische Kinder- und Jugendanwaltschaft geht davon aus, dass 90 Prozent der sexuell missbrauchten Kinder den Täter kennen und zu ihm in einem Vertrauensverhältnis stehen.
Die häufigste Täterstrategie, vor allem im Kreis der Verwandten, ist die emotionale Zuwendung, bei weniger nahestehenden Personen kommt es auch zur Androhung und Ausübung von körperlicher Gewalt. Studien zeigen, dass körperliche Gewalt oder Drohungen in mehr als 50 Prozent der Missbrauchsfälle vorkommen, während andere Täter manipulative Strategien wie beispielsweise Geldgeschenke benutzen.
Häufig wird der sexuelle Missbrauch von Kindern in der Anfangsphase als Spiel (auch Vater-Mutter-Spiel) getarnt. Täter aus dem sozialen Nahbereich wenden bei älteren Kindern (ab dem Grundschulalter) die Taktik des „Hofierens“ an. Das Kind wird wie eine erwachsene Geliebte behandelt, zum Essen eingeladen, bekommt Alkohol zu trinken und erhält Geschenke.
Kinder haben ein tiefes Empfinden für die Sorgen und Nöte anderer Menschen. Es ist für manipulative Erwachsene häufig ein leichtes Spiel, das kindliche Mitgefühl für die Straftaten auszunutzen.
Quelle:
http://www.nachrichten.at/oberoesterreich/art4,242132